Es gibt keine politische Ontologie. Aber eine politische Geschichte gibt es wohl. Diese entwickelt sich nicht nur zeitlich geradlinig nach vorn, sondern ebenso vertikal, horizontal, zeitlich zurück und in jegliche andere vorstellbare Dimension. Politische Geschichte wird zudem durch eine Mehrzahl einzelner Akteure und ganzer Gruppen mitbestimmt. Das ermöglicht es selbsternannten Scholastikern jeglicher Couleur ihre subjektiven Sichtweisen einer zu oft sehr willig glaubenden Gruppe ideologisch überzustülpen.

Besonders anfällig für politische Propheten erscheinen jene, welchen der Antrieb bzw. die Möglichkeit zur eigenen politischen Meinungsbildung fehlt. Die Ursachen können vielfältig sein – Politikverdrossenheit, Unverständnis, Bildungsferne, Ausgrenzung, Desinteresse, Identitätsmangel …

Deshalb besteht mannigfaltige Möglichkeit die Politik in ihrem Sein sehr unterschiedlich zu definieren. Und dazu wird dem Sein ein bestimmtes Wesen zugeordnet. Auch deshalb gibt es wohl nicht nur eine absolute Wahrheit, sondern viele – je nachdem mit welch persönlicher Einstellung und aus welchem Blickwinkel man es betrachtet. Das bietet auch die Chance zur Beeinflussung der willig glaubenden Gruppe, respektive zur Manipulation derselben.

In einem politischen Wertesystem, wie wir es in Deutschland besitzen, ist das Gewinnen einer Mehrheit der Wahlberechtigten entscheidend, strebt man politische Mitbestimmung an. Deshalb steht für den machtanstrebenden Politiker zuerst eine Lagebeurteilung an, welche die erfolgreiche Planung zur Umsetzung seiner Ambitionen begünstigt. Im Folgenden setzt man zielgerichtet auf Reizthemen, welche man in eskalierender Weise „bedient und ausschlachtet“, einzig dem Ziel folgend, politische Kontrahenten zu schwächen. Dabei bedarf es nicht zwingend einer gut fundierten, tiefgründigen, beweisführenden Argumentation, sondern oftmals nur der stärkeren Rhetorik und einer einnehmenden Symbolik. Kraft ausstrahlend, oft desillusionierte Menschen wieder motivierend, Verantwortung und Führung übernehmend – so gewinnt man politische Gefolgschaft.

Wichtig ist unbedingt der Appell an Werte, Identität und ideale Lebensvorstellungen der zu erreichenden Menschen. Sich dafür als Heilsbringer zu erklären, ggf. noch unzureichend ausgeprägte Ängste zu schüren, um sich als schutzgewährender politischer Führer stärker zu etablieren, hilft beim Sichern der notwendigen Gefolgschaft. Denn der Gedanke nach (Basis)Demokratie wurde unseren heutigen Generationen von klein auf eingepflanzt, ohne dass die andere Sehnsucht nach Vorbildern/ Schützern/ Führern/ Idolen aufgegeben wurde.

Auch existieren etliche dieser politischen Alpha Menschen, welche einen Führungsanspruch besitzen und realisieren möchten – und haben ganz unterschiedlichen Erfolg. Denn sucht man sich die notwendige Gefolgschaft aufzubauen, dann sind dabei immer Leute mit unterschiedlichen Potentialen; mit Stärken und Schwächen, welche der aufstrebende politische Führer geschickt für sich einsetzt oder rigoros verhindert.

Große Gefahr besteht für einzelne Protagonisten dann, wenn der politische Führer einer Bewegung in ihm eine Gefahr erkennt – völlig unerheblich, ob diese Gefahr real oder lediglich eingebildet ist. Zeichnet sich also innerhalb der Basis einer politischen Bewegung oder Partei ein Akteur ab, welcher durch sein Handeln in großem Maß Zustimmung erfährt, dann dient dieses grundsätzlich der Partei/ Bewegung als Ganzes. Ein Führer dieser Partei/ Bewegung kann die Situation jedoch schnell als Gefährdung seiner ganz persönlichen Stellung betrachten, sollte er den positiven Akteur innerhalb der ihn unterstützenden Gruppe als potentiellen Konkurrenten wahrnehmen. Ist der Führer der Partei/ Bewegung zudem noch erheblich egoistisch motiviert und verfügt selbst nur über mäßige persönliche Befähigung, dann führt dieses mitunter zu psychoseartigen Symptomatiken im Verbund mit aggressivem Abwehrverhalten gegenüber einem eigentlichen Unterstützer.

An dieser Stelle lässt der unter Verlustängsten leidende politische Führer es zu, dass seine zuvor objektive Lagebewertung durch persönlich subjektive Fehlurteile über ein fälschlich als Konkurrent wahrgenommenes Mitglied seiner Partei/ Bewegung negativ beeinflusst wird. Sein Streben nach Ausbau und Verfestigung persönlicher Macht ist an dieser Stelle durch eine permanente Verfolgungsangst beeinträchtigt, welche ihn nicht nur vom eigentlichen politischen Ziel ablenkt, sondern ihn zudem negative Energien entwickeln lässt, um den vorgeblichen Konkurrenten in der eigenen Partei/ Bewegung zu eliminieren.

Somit schließt sich der Lagebeurteilung nicht mehr folgerichtig die Umsetzung einer politischen Agenda zur Stärkung der eigenen Partei-/ Bewegungsprogrammtik und Schwächung des politischen Konkurrenten an, sondern ein nicht ressourcenschonender, irrwitziger Aktionismus zur Ausschaltung des eigenen, als zu stark wahrgenommenen Mitstreiters.

Hinein spielt oft auch Neid anderer Basismitglieder der Partei/ Bewegung, welche dem Zustimmung und Unterstützung erfahrenden Mitstreiter diese aus Missgunst nicht gönnen. Auch hier sind die Motivlagen unterschiedlich, aber überproportional oft von eigenen Ängsten über persönlichen Verlust und Marginalisierung der eigenen Position geprägt. So wird nach Gründen gesucht, um den starken Mitstreiter gegenüber dem ohnehin negativ motivierten Führer der Partei/ Bewegung denunzieren zu können, wobei abstrusen Anschuldigungen und Gerüchten fortan keine Grenzen gesetzt sind, bis die endgültige Eliminierung des potentiellen Konkurrenten erfolgt.

Ergo wird jegliche Abweichung vom gewohnten Muster als Störung empfunden. Dabei erscheint es nur oberflächlich von außen betrachtet paradox, dass insbesondere eine erfolgreiche Profilierung einzelner Akteure der Partei/ Bewegung durch ambitionierte Mitakteure und den/ die Führungsfigur(en) zu massiven Abwehrreaktionen führt. Somit wird nicht mehr der politische Konkurrent einer anderen Bewegung/ Partei als ärgster Widersacher gesehen, sondern zuerst und vorrangig der stark profilierte Mitstreiter aus den eigenen Reihen. Das derartiges Geplänkel, begleitet von Intrigen und einem Netzwerk aus Lügen, jedoch unweigerlich in die politische Bedeutungslosigkeit führt, zeigt das aktuelle Beispiel einer ehemaligen und vormals sehr große Zustimmung erfahrenden sozialdemokratischen Volkspartei. Hier führten internes Konkurrenzgehabe und der Kampf um Pfründe und persönliche Machtambitionen dazu, dass die Partei sich in politischer Richtungslosigkeit verlor und kein markantes Eigenprofil mehr besitzt.

Wird dieses präsente, deutlich warnende Beispiel politischen Selbstmordes aber durch andere politische Führer deutlich jüngerer Bewegungen/ Parteien ignoriert, dann laufen diese in Gefahr ganz vergleichbaren negativen Verhaltensmustern zu unterliegen. Dann werden auch die ambitionierten Politiker noch junger politischer Bewegungen den neidbegründeten Anschuldigungen einzelner Intriganten unterliegen und ihr Handeln zum Schaden hochmotivierter, integrer und leistungsstarker Mitstreiter ausrichten. Damit verlieren diese politischen Führer aber den Fokus vom eigentlichen Ziel und laufen allein dadurch Fehl, dass sie glauben ihre persönlichen Partikularinteressen durch potente Mitglieder ihrer eigenen Basisbewegung gefährdet zu sehen.

Der Rat hierzu ist, nicht dem intriganten Zuflüstern verlogener Gerüchte zu erliegen, sondern ehrlich und auf den wahren politischen Gegner fokussiert voranzuschreiten. Gelingt dieses nicht und erliegt der politische Führer den geschürten, aber völlig unbegründeten Ängsten, dann läutet er zugleich den Untergang der von ihm geführten Bewegung ein. Denn die bewusste Schwächung der eigenen Basis zum Erhalt der persönlichen Macht, dient allein dem politischen Gegner, welcher nunmehr etliche Angriffsflächen findet und diese gezielt angreifen wird.

Schlussendlich ändert der politische Führer mit seinem aggressiv nach innen gerichteten Verhalten auch das wahrgenommene Sein und das empfundene Wesen seiner Partei/ Bewegung. Üblicherweise führen derartige, auf Intrigen allein beruhende inquisitionsartige Liquidierungen potenter Mitstreiter zum Verlust der eigenen politischen Profilschärfe, der eigenen Glaubwürdigkeit und folglich auch zum merklichen Abbau der Wählergefolgschaft. Es bleibt nämlich nicht unbemerkt, wenn starke Mitstreiter aufgrund unguter Motive ausgeschaltet werden. Auch wird es niemals glaubhaft, diesen starken Mitstreitern Insubordination vorzuwerfen, allein weil diese Wahrheiten aussprechen und andere damit konfrontieren. Denn die Führer einer Partei/ Bewegung, welche aufgrund rein egoistischer Motive die Wahrheit scheuen wie der Teufel das Weihwasser, werden niemals den Grad an Glaubwürdigkeit erringen, welcher ihnen die notwendige dauerhafte Gefolgschaft einer großen Wählerschaft sichert. Solche Führer können nur als falsche Propheten in sektenartig strukturierten Glaubensbewegungen existieren, nicht jedoch in politischen Parteien mit Anspruch auf Rechtschaffenheit, Demokratie und Meinungsfreiheit.